{"id":853,"date":"2025-03-12T10:00:00","date_gmt":"2025-03-12T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/emerginglinguists.org\/?p=853"},"modified":"2025-03-19T10:31:16","modified_gmt":"2025-03-19T09:31:16","slug":"erzaehl-mir-deine-lebensgeschichte-von-sprache-macht-und-gespraechen-auf-augenhoehe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/emerginglinguists.org\/en\/erzaehl-mir-deine-lebensgeschichte-von-sprache-macht-und-gespraechen-auf-augenhoehe\/","title":{"rendered":"\u201eErz\u00e4hl mir deine Lebensgeschichte!\u201c. Von Sprache, Macht und Gespr\u00e4chen auf Augenh\u00f6he."},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;\u201eErz\u00e4hl mir deine Lebensgeschichte!\u201c. Mit dieser offenen wie oft auch zun\u00e4chst ein wenig perplex machenden Einladung beginnen Sch\u00fcler*innen und Studierende lebensgeschichtliche Oral-History-Interviews im Rahmen des Projekts <em>Vielsprachiges Ged\u00e4chtnis der Migration.<\/em> Dieses wird unter der Leitung von Georg Traska (\u00d6sterreichische Akademie der Wissenschaften) realisiert und durch das Forschungsf\u00f6rderprogramm \u201eSparkling Science 2.0\u201c finanziert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Georg Traska macht Sch\u00fcler*innen bzw. Studierende auf das Projekt aufmerksam und ermutigt sie dazu, Personen aus ihrem Bekannten- oder Verwandtenkreis, die in \u00d6sterreich leben und Migrationserfahrungen durchlebt haben, durch den einf\u00fchrend genannten Satz \u201eErz\u00e4hl mir deine Lebensgeschichte!\u201c zu biographischen Schilderungen einzuladen. Die Interviewteilnehmer*innen realisieren ihr Gespr\u00e4ch in einer (oder auch mehreren) geteilten und von den Interviewten frei gew\u00e4hlten Sprache(n) und es ist im Rahmen des Projekts vorgesehen, die entstehenden Erz\u00e4hlungen und Interaktionen im August 2025 in einer \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Web-Ausstellung in Audio- oder Videoform (inklusive deutschsprachiger Untertitel im Falle anderssprachiger Interviewgespr\u00e4che) allgemein zug\u00e4nglich zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Forschungsdesign des Projektes erleichtert \u2013 so die Beschreibung auf der \u00d6AW-Homepage, \u201eden Zugang zu Interviewpartner\/innen, die sonst schwer f\u00fcr die Forschung erreichbar w\u00e4ren, und es erm\u00f6glicht ein Sampling, das in Hinblick auf die migrantischen Communities ein Minimum an sozialer oder institutioneller Selektion impliziert\u201c (<a href=\"https:\/\/www.oeaw.ac.at\/ikw\/forschung\/gedaechtniskultur-memory-culture\/projekte-gedaechtnis\/vielsprachiges-gedaechtnis-der-migration\">https:\/\/www.oeaw.ac.at\/ikw\/forschung\/gedaechtniskultur-memory-culture\/projekte-gedaechtnis\/vielsprachiges-gedaechtnis-der-migration<\/a>), wodurch es sich beim <em>Vielsprachigen Ged\u00e4chtnis der Migration <\/em>nicht nur um ein vielsprachiges sondern ebenso um ein vielstimmiges Projekt handelt, welches im Sinne des soziolinguistischen Konzepts der \u201evoice\u201c (Stimme, vgl. z.B. Brizi\u0107 2022<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a>) gerade auch solche Stimmen wahrnimmt und wahrnehmbar macht, die im sogenannten Mehrheitsdiskurs als sprechende (und nicht <em>zu <\/em>besprechende) Instanzen allzu oft beiseite geschoben, ignoriert oder \u00fcbert\u00f6nt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Thema \u201eSprache und Macht\u201c liegt mir schon seit l\u00e4ngerer Zeit am Herzen. Weit davon entfernt, neutrales Vehikel schlichter Informationen zu sein, stellt Sprache ein gesellschaftliches Differenzmerkmal dar, \u201emit dem [\u2026] soziale Zugeh\u00f6rigkeiten konstruiert, \u00dcber- und Unterordnungen geschaffen\u201c sowie \u201eEin- und Ausschl\u00fcsse legitimiert werden\u201c, wie \u0130nci Dirim (2016, 195) festh\u00e4lt. Mein Beitrag f\u00fcr die \u00d6LT 2024 st\u00fctzte sich auf meine im Sommersemester 2024 verfasste Bachelorarbeit im Fachbereich \u201eDeutsch als Zweitsprache\u201c unter der Leitung von Rainer Hawlik. Dankenswerterweise durfte ich f\u00fcr die Realisierung dieser Arbeit auf die \u2013 noch \u2013 unver\u00f6ffentlichten Interwiewdaten des oben beschriebenen Projektes zugreifen und n\u00e4herte mich diesen mit der Frage, auf welche Weise Sprache(n) in lebensgeschichtlichen Erz\u00e4hlungen des vorgestellten Projekts zum Thema gemacht wurde, d.h. konkreter, welche Bedeutsamkeit interviewte Personen Sprache(n) mit Blick auf ihr Selbst- und Weltverst\u00e4ndnis zuschrieben (auch ohne explizit danach gefragt zu werden). Ich durchsuchte demnach vorhandene Interviewtranskripte auf Stichworte wie \u201eSprache(n)\u201c oder eben \u201e*Bezeichnungen von Einzelsprachen, z.B. \u201aT\u00fcrkisch\u2018, \u201aDeutsch\u2018*\u201c und stie\u00df relativ rasch auf ein Interview, in dem der interviewte C. L. (anonymisiert) den unterschiedlichen Sprachen und sprachlichen Variet\u00e4ten in seiner Lebenserz\u00e4hlung eine politische und zugleich individuell hoch relevante Bedeutung zuweist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Zuge einer qualitativen, im Stil der \u201eGrounded Theory\u201c verfahrenden und durch eine Agency-Analyse pr\u00e4zisierten Interpretation des Interviews, lie\u00dfen sich insbesondere Kurdisch, T\u00fcrkisch, Deutsch und der vorarlbergerische Dialekt als f\u00fcr C.L.s Zugang zu sich selbst und der Welt ausweisen. Dabei wurde das T\u00fcrkische als vom, in den 1960ern in der Gegend um Dersim (T\u00fcrkei) aufwachsenden, Kind C. L. als etwas im \u00f6ffentlichen Raum Vorgefundenes (vgl. bspw. \u201edrau\u00dfen haben wir T\u00fcrkisch kommuniziert\u201c Min. 4) und sp\u00e4ter zunehmend auch als Sprache von Unterdr\u00fcckung und Gewalt Erlebtes und Erkanntes (bspw. identifiziert C. L. die alternativlose und forcierte Nutzung des T\u00fcrkischen im \u00f6ffentlichen Raum retrospektiv als \u201emeine erste Unterdr\u00fcckung [\u2026] von Kleinkind her\u201c (Min. 4) und benennt die politische Ma\u00dfnahme der Folter mit dem T\u00fcrkischen Begriff daf\u00fcr: \u201efalaka\u201c (Min. 10)) ausgewiesen. Das Kurdische wiederum wurde von C. L.s Mutter im Rahmen der h\u00e4uslichen Sph\u00e4re sowie vom Jugendlichen und jungen Erwachsenen C. L. auch im \u00f6ffentlichen Raum in seinem Recht als identit\u00e4ts- und kulturpr\u00e4gende Sprache verteidigt (vgl. z.B. \u201eauf Kurdisch haben wir geschrieben \u201aFreiheit f\u00fcr Kurden, Kurdinnen\u2018). Deutsch\/Vorarlbergerisch schlie\u00dflich schilderte C. L. als vom zun\u00e4chst Fremden hin zum Famili\u00e4ren sich wandelndes, eine Erweiterung des Selbst darstellendes, Konstitutiv, es sei \u2013 neben dem Kurdischen als \u201eVatersprache\u201c die \u201eMuttersprache\u201c seiner Kinder (Min. 57), wie auch \u00d6sterreich nun, nach seiner Familiengr\u00fcndung in \u00d6sterreich und seiner Beziehung zu einer Vorarlbergerin, vom \u201eAsyl-Land\u201c zum \u201eLand meiner Kinder, Land meiner Frau\u201c, ja sogar zu \u201emeine[r] zweite[n] Heimat\u201c (Min. 56) geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hiervon und von mehr berichtete ich in meinem Beitrag f\u00fcr die \u00d6LT 2024, in dem, meiner Bachelorarbeit folgend, die oben formulierten Fragen nach dem Selbst- und Weltverst\u00e4ndnis vor dem theoretischen Hintergrund der Subjektivierungsweisen und dem Konzept der Agency ausgehandelt wurden. Die 20 Vortragsminuten (siehe bzw. h\u00f6re: <a href=\"https:\/\/emerginglinguists.org\/de\/48-oesterreichische-linguistiktagung\/\">https:\/\/emerginglinguists.org\/de\/48-oesterreichische-linguistiktagung\/<\/a>) vergingen wie im Flug und ich freute mich \u00fcber zahlreiche positive R\u00fcckmeldungen. Die Verstrickungen zwischen Sprache und Macht zu benennen und sich ihnen gegen\u00fcber bewusst zu positionieren, empfinde ich als Mitglied einer pluralen Gesellschaft bedeutsam. Dieses Gegen\u00fcbertreten kann insbesondere in Gespr\u00e4chen auf Augenh\u00f6he realisiert werden. Dass Projekte wie <em>Vielsprachiges Ged\u00e4chtnis der Migration<\/em>, Veranstaltungen wie die \u00d6LT und Organisationen wie <em>verbal <\/em>und die <em>Emerging Linguists <\/em>eben dies beweisen, durfte ich selbst erfahren. Ich habe das Hinh\u00f6ren und Nachfragen im Rahmen von Georg Traskas Projekt (auch ich habe zwei lebensgeschichtliche Interviews gef\u00fchrt \u2013 wenn auch nicht das mit C. L.) als ebenso gro\u00dfe Bereicherung und pr\u00e4genden Ort der Begegnung und Ermutigung empfunden wie die \u00d6LT. Ich danke Edna Imamovic von <em>verbal <\/em>sehr herzlich f\u00fcr die tollen Gespr\u00e4che im Zusammenhang mit dem Projekt <em>Vielsprachiges Ged\u00e4chtnis der Migration<\/em> sowie den Vorschlag, mich f\u00fcr die \u00d6LT zu bewerben. Das Luftschloss, welches wir im Workshop von <em>verbal <\/em>und <em>Emerging Linguists <\/em>gemeinsam gebaut haben, ist aus gemeinsamen, generationen\u00fcbergreifenden Gedanken gebaut, die verschiedene Stimmen h\u00f6rbar sowie Wissenschaft greifbar und in ihrer Relevanz f\u00fcr das Leben von Menschen erfahrbar machen. Es ist demnach kein Schloss utopischen Charakters, sondern ein aufgeschlossenes, kommunikativ errichtetes Schloss, dessen Erbauer*innen sich trauen anzupacken und mutig in die Zukunft zu blicken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr den Grund, die Grundsteine, Bauskizzen und das Material dieses Schlosses bedanke ich mich herzlich bei allen Teilnehmer*innen des Workshops sowie insbesondere auch dem Organisator*innen- bzw. Vorstandsteam von <em>verbal <\/em>und <em>Emerging Linguists<\/em>, namentlich Edna Imamovi\u0107 und Sabine Lehner (<em>verbal<\/em>) sowie Ren\u00e9 Foidl und Laura Levstock (<em>Emerging Linguists<\/em>). \ud83d\ude0a<strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fu\u00dfnote<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Brizi\u0107 (2022, 18) definiert \u201evoice\u201c als den Menschen gegebene (und von diesen realisierte) \u201eM\u00f6glichkeiten und Grenzen, sich selbst zu artikulieren, das hei\u00dft: der eigenen Herkunft und Biografie, aber auch Zukunftsvisionen und Kompetenzen Ausdruck zu verleihen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Angef\u00fchrte Literatur und Links im Kontext:<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Brizic, Katharina (2022). <em>Der Klang der Ungleichheit. Biografie, Bildung und Zusammenhalt in der vielsprachigen Gesellschaft. <\/em>M\u00fcnster: Waxmann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dirim, \u0130nci (2016). \u201eIch wollte nie, dass die anderen merken, dass wir zu Hause Arabisch sprechen\u201c. Perspektiven einer linguizismuskritischen p\u00e4dagogischen Professionalit\u00e4t von Lehrerinnen und Lehrern. <em>Kulturen der Bildung. Kritische Perspektiven auf erziehungswissenschaftliche Verh\u00e4ltnisbestimmungen. <\/em>&nbsp;Hummrich, M.\/Pfaff, N.\/Dirim, \u0130.\/Freitag, Ch. (Hrsg.). Wiesbaden: Springer VS, 191\u2013208.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Projektbeschreibung <em>Vielsprachiges Ged\u00e4chtnis der Migration<\/em>: <a href=\"https:\/\/www.oeaw.ac.at\/ikw\/forschung\/gedaechtniskultur-memory-culture\/projekte-gedaechtnis\/vielsprachiges-gedaechtnis-der-migration\">https:\/\/www.oeaw.ac.at\/ikw\/forschung\/gedaechtniskultur-memory-culture\/projekte-gedaechtnis\/vielsprachiges-gedaechtnis-der-migration<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Programm der <em>\u00d6sterreichischen Linguistiktagung (\u00d6LT) 2024<\/em>: <a href=\"https:\/\/www.uibk.ac.at\/de\/congress\/oelt2024\/programm\/\">https:\/\/www.uibk.ac.at\/de\/congress\/oelt2024\/programm\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Beitrag berichtet Martina Soini \u00fcber ihren, in Kooperation mit dem Projekt Vielsprachiges Ged\u00e4chtnis der Migration realisierten, Beitrag zur 48. \u00d6LT.<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":854,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_members_access_role":[],"_members_access_error":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-853","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/emerginglinguists.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/853","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/emerginglinguists.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/emerginglinguists.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/emerginglinguists.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/emerginglinguists.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=853"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/emerginglinguists.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/853\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":855,"href":"https:\/\/emerginglinguists.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/853\/revisions\/855"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/emerginglinguists.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/854"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/emerginglinguists.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=853"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/emerginglinguists.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=853"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/emerginglinguists.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=853"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}